Von Dilemmas umgeben? Willkommen im Club!

Hier werden in loser Abfolge Dilemmas und deren Lösungsansätze aus dem Alltag verschiedener Firmen und Organisationen vorgestellt.

20.3.2019  Brexit – nicht nur ein Dilemma für Großbritannien

Bild von James Giddins on Unsplash

Momentan vergeht kein Tag, an dem nicht klar wird, wie stark die britische Bevölkerung und Regierung vom Brexit zerrissen ist. Egal, ob ein Brexit ohne Vertrag, mit Vertrag, eine neue Abstimmung über den Brexit erfolgt – ein großer Teil der Bevölkerung wird mehr aus unzufrieden sein.

Bei der ganzen Diskussion um den Brexit aus britischer Perspektive wird aber  gerne verdrängt, dass der britische Austritt auch für die EU eine Reihe von Fragen und Dilemmas aufwirft. In einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18. Februar wies die Bremer Professorin Susanne Schmidt zu Recht darauf hin, dass durch den Brexit auch die Strukturprobleme in der EU deutlich zutage treten, aber geflissentlich ignoriert werden. Nicht nur hat der Brexit massive wirtschaftliche Konsequenzen, über deren Umfang kaum gesprochen werden. Schließlich verlässt mit Großbritannien ein Land die EU, dessen Wirtschaftsleistung genauso groß ist wie die der 18 kleinsten EU-Ländern zusammen.

Wie geht die EU nun mit dem Austritt Großbritanniens um? Auf der einen Seite ist die Forderung, den Austritt der Briten so schwer wie möglich zu machen. Einerseits um andere Wackelkandidaten des europäischen Projektes davon abzuhalten, auch aus der EU austreten zu wollen und damit die Situation des Staatenbundes weiter zu schwächen. Auf der anderen Seite besteht aber die Notwendigkeit, einen modus vivendi zu finden, der eine für beide Seiten akzeptable und vorteilhafte Form der Zusammenarbeit ermöglicht. Nicht nur wirtschaftlich, sondern gerade auch politisch in einer Zeit, in der die USA als traditioneller Partner der Europäer immer unberechenbarer wird. Je härter die Position der EU, desto eher bleiben andere Länder vielleicht an Bord, desto geringer wird aber die politische Legitimität der EU. Denn wenn ein Land de facto in einer Zwangsgemeinschaft gebunden ist, dann verlangt es  auch zu Recht Mitspracherechte. Diese sind in der jetzigen Struktur kaum gegeben. Die bestehende Strukturen der EU lassen eine Reform dieses Mitbestimmungsdefizites auch unwahrscheinlich erscheinen.

Es beseht zu befürchten, dass sich die EU lieber für eine harte Position den Briten gegenüber entscheidet, als sich den Fragen der eigenen Legitimität zu stellen. Es wird sich schwungvoll für eine der beiden Optionen entschieden. Damit ist das Problem zwar vom Tisch. Es besteht aber zu befürchten, dass diese ‚Lösung‘ des Dilemmas nicht lange halten wird.

2.2. 2019 Die deutschen Automobilhersteller und die Elektromobilität – ein klassisches Innovator’s Dilemma

Clayton Christensen beschrieb in seinem Klassiker ‚The Innovator’s Dilemma‘ 1997 sehr treffend das Dilemma zwischen Bewahrung und Veränderung, mit dem vielen Unternehmen bei technologischen Umbrüchen konfrontiert werden – und an denen viele bisher führende Firmen scheitern.

Photo by Daniele Fantin on Unsplash

Firmen, die in einer Technologie führend sind, versuchen ihre bestehenden Kunden mit immer mehr Leistung mit der aktuellen Technik zu beglücken. Genau dies ist die Situation der deutschen Premium-Automobilhersteller. Mit ihren PS-Boliden und Dieselmotoren haben sie bisher mit immer höherer Leistung oder Reichweite gepunktet.

Photo by Chris Liverani on Unsplash

In diesen beiden Aspekten ist die neue Technologie der E-Mobilität momentan enttäuschend. Wagen wie de BMW i3 oder i8 waren bisher kaum eine ernst zu nehmende Alternative zu den Wagen mit Verbrennungsmotoren: zu teuer, zu langsam, zu  geringe Reichweite. Auch beschrieb die Süddeutsche Anfang Januar in einem Beitrag sehr anschaulich, wie sehr auch die Manager der deutschen Autokonzerne ‚Benzin im Blut‘ haben, um E-Mobile als ‚echte‘ Autos anzuerkennen. Wenn die deutschen Automobilhersteller heute wirklich so konsequent auf E-Mobilität setzen würden, wie sie ankündigen, würden sie einen großen Teil ihrer aktuellen Kunden (und ihres aktuellen Gewinns) verlieren. Selbst mehr als fünf Jahre nach dem Verkaufsstart bleibt bspw. der BMW i3 ein seltener Anblick auf deutschen Straßen.

Anders stehen da neue Spieler wie Tesla da. Sie haben keine bisherigen Kunden und deren Erwartungen zu befriedigen, sondern können bewusst in ihrer Nische mit den neuen Technologie wachsen. Je weiter sich die Batterie-Technik entwickelt, desto größer die Nische, die Firmen wie Tesla bedienen, desto größer auch möglicherweise der technologische Vorsprung, den dann die reinen E-Mobil-Anbieter haben. Wie der Aufbau eines technischen Vorsprung aussieht, hat Toyota an anschaulich bei der Hybrid-Technologie vorgemacht.

Die etablierten Automobilhersteller stehen vor dem Dilemma, sowohl die Erwartungen der bestehenden Kunden zu erfüllen und gleichzeitig stark in die Aufholjagd bei der E-Mobilität investieren zu müssen. Selbst die tiefen Taschen der deutschen Hersteller werden da sehr strapaziert werden.

19.12. 2018 Wie gehen Manager mit moralischen Dilemmas um?

Ich bin die Tage auf einen Artikel in ‚Fast Company gestoßen, wo einige Manager beschreiben, wie sie Dilemmas gelöst haben. Lesenswert.

 
 
 

14.11.2018 Wie groß soll mein Sortiment sein? Das Dilemma der Hard Discounter

(c) Christian Lebrenz

Als die Brüder Albrecht in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts mit ihrem neuen Discount-Konzept an den Start gingen, beschränkten sie bewusst ihr Sortiment auf ca. 400 Artikel. Es sollten die nur die Dinge des alltäglichen Bedarfs in einer Variante angeboten werden. Dadurch wurde eine hohe Umschlaggeschwindigkeit möglich, die es ermöglichte die Kosten deutlich zu senken. Doch mit dem sehr schlanken Sortiment entstand ein Dilemma: Kunden kaufen aber viel mehr als diese 400 Artikel. Zwar verringerte Aldi seine Kostenstruktur durch das schlanke Sortiment, verzichtete aber auf sehr viel Umsatz. Würde Aldi das Sortiment verbreitern, würde der Umsatz steigen, sich aber die Kostenstrukturen verschlechtern.

Die Lösung?: Aldi bot Produkte, die außerhalb des Kernsortiments lag im Rahmen von Aktionen an. Jede Woche wurden einige Artikel, egal ob Bügeleisen, italienische Pasta oder Socken angeboten: zu sehr günstigen Preisen, aber nur für sehr begrenzte Zeit. Wenn der Posten abverkauft war, war Schluss. Mit diesen Aktionsangeboten löste Aldi nicht nur das Dilemma zwischen breitem Sortiment und hohem Warenumsatz, sondern ermunterte die Kunden zum Zuschlagen: ob nächste Woche die Bohrmaschine zum Schnäppchenpreis noch da wäre, ist eher unwahrscheinlich. Also das gute Stück lieber heute in den Einkaufswagen legen. Und dadurch, dass Aldi für die Aktion zig Tausende Bohrmaschinen auf einmal einkaufte, waren die Einkaufskonditionen dementsprechend niedrig.

Das Konzept der Aktionsware wurden von den anderen Hard-Discountern eifrig kopiert und selbst eine Kaffeerösterei aus Hamburg verkauft auf diese Weise jede Menge Kleidung und reizende Deko-Artikel.

19.10.2018: VWs Dilemma mit den Vertriebskanälen

Photo by Fabian Grohs on Unsplash

Am Mittwoch dieser Woche veröffentlichte die F.A.Z. unter dem Titel „Aus Autopalästen werden Supermärkte“ über die Firma Volkswagen. Zur Abwechselung ging es mal nicht um die Dieseltechnologie, sondern um ein Dilemma mit den Vertriebskanal. Laut dem Artikel wickeln die 5400 europäischen Händler ca. 1,7 Millionen Verkäufe im Jahr ab und verzeichneten ca. 20 Millionen Besuche in den Werkstätten. Damit sind die Händler der wichtigste ‚touch point‘ mit den Kunden. Doch die Zukunft geht auch beim Autokauf geht in Richtung Internet.

VW rechnet, dass bis 2025 zwar erst 5% der Kunden ihren Wagen direkt aus dem Internet holen werden, aber 20% sich dort intensiv informieren. Tendenz: stark steigend. Über den Kanal Internet hätte VW auch den direkten Kundenkontakt. Diese wichtigen Daten gehören heute den Händlern. Diese Kundenkontakte bilden die Geschäftsgrundlage für die Händler.

Daraus ergab sich für VW das Dilemma, auf der einen Seite den wichtigen Kanal Internet zu besetzen, damit an die Kundendaten zu gelangen ohne gleichzeitig die bis auf absehbare Zeit zentrale Säule des Vertriebs, die Händler, zu vergraulen.

Was hat VW gemacht? Langfristig wird sich das schon seit Jahren zu beobachtend Ausdünnen des Händlernetztes fortsetzen. Und langfristig wird wohl der eine oder andere Showroom der Händler in einen Supermarkt umgewandelt werden. Kurzfristig hat VW mit den Händlern einen Kompromiss ausgehandelt. Einerseits erhalten die Händler eine Vergütung vom Konzern, wenn die Kunden nur noch ins Autohaus kommen, um die im Internet bestellten Wagen abzuholen. Gleichzeitig werden die Händler auf der Kostenseite entlastet, da der Konzern die Anforderungen an die Händler bezüglich Personal und Prozessen gesenkt hat.

Wir können gespannt sein, wie gut dieser Kompromiss halten wird. Es ist zu vermuten, dass die Konditionen im Vertrag zwischen dem Konzern und den Händlern immer wieder nachverhandelt werden können, je nachdem, wie schnell die Kunden in Richtung Internet abwandern. Es bestünde dann die Möglichkeit, den Kompromiss immer wieder auszutarieren.

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